Wozu Pädagogik (studieren)?
Warum studiert manch einer die pädagogische Disziplin?
Will man die Welt verbessern, oder sich selbst verstehen?
Hat er oder sie nichts “Besseres” gewusst?
Diese kleine Interviewauswertung (…) kann vielleicht ein bisschen Klarheit geben:
Eine Interviewauswertung*
Zur Bildung:
Schule:
Die Angaben lassen den Schluss zu, dass die Befragten eher zu den jüngeren Studenten gehören, die direkt nach dem Abitur studierten.
Ausbildung:
Dass nur eine Befragte schon eine Ausbildung erlangt hat, bestätigt die Vermutung, dass es sich hier eher um Studentinnen handelt, die direkt nach der Schule mit dem Pädagogik-Studium begonnen haben.
Praktikum:
Hier wird deutlich, dass sehr differenzierte Praxiserfahrungen im sozialen Bereich gesammelt wurden. Die Befragten können in ihrer Gestaltung und Organisation des Studiums auf sehr individuelle und persönliche Erfahrungen zurückgreifen. Dieses Potential scheint ein wesentliches und ausgeprägtes Merkmal von Pädagogikstudenten/innen zu sein, da die Angaben der Studentinnen den Schluss zulassen, dass generell auch schon vor dem Pädagogik-Studium offensichtlich Praktika in der Sozialarbeit geleistet werden.
Wendepunkte:
Diese Unterkategorie zeigt, wie spezifisch jede Befragte Auskunft über den Entscheidungsprozess geben konnte. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass die Entscheidung, Diplom-Pädagogik zu studieren ein multikausaler Prozess ist, der von vielen Faktoren abhängig ist.
Es ist auffällig, dass niemand Pädagogik auf Anhieb studieren wollte, sondern erst über mehrere Umwege. Vorsichtig formuliert, könnte dies bedeuten, dass Pädagogik als Studiengang als eher diffus und unbekannt bei den Abiturienten einzuschätzen ist, da bei den Befragten das Studium erst aufgenommen wurde, nachdem man sich selbst klar wurde, dass man auf noch unbestimmte Art mit Menschen arbeiten wolle.
Es wird aber auch deutlich, dass der Wunsch nach mehr beruflicher Selbstbestimmung und qualifizierter Ausbildung zum Studium motivierte. Zudem ist das Pädagogik-Studium formal besser und schneller aufzunehmen (günstigere formale Studienbedingungen), als zulassungsbeschränkte, nur an bestimmten Regionen gebundene Studiengänge. Vermutlich halfen diverse Praktika im sozialen Bereich, diesen Entschluss zu fassen, Pädagogik zu studieren.
Anhand der kreativen Problemlösungsstrategien der Studentinnen kann auch geschlussfolgert werden, dass Pädagogikstudenten/-innen offensichtlich bereit sind, ihren Interessen auch unter schwierigeren Bedingungen nachzukommen. Möglicherweise besitzen gerade Studenten /-innen der Pädagogik eine höhere Ambiguitätstoleranz und effektivere Konfliktlösungskompetenz als andere Menschen. Ideelle Werte („Helfersyndrom“) werden eher weniger genannt, sodass sachliche, finanzielle, organisatorische und pragmatische Gründe gewichtiger einzuordnen sind, als z. B. karikative, humanistische oder christliche Beweggründe.
Einflüsse zur Berufsentscheidung:
Arbeitsamt:
Hier gab es relativ unbedeutenden Einfluss auf die Studienwahl. Zwar gab es auf der einen Seite die Beratung oder einen Eignungstest, andererseits die Möglichkeit, selbst Informationen zu suchen. Aber nur die selbstbestimmte Auseinandersetzung mit vorliegenden Materialien (z. B. Ordner, Computereinsatz, …) unterstützte schon eher den Entscheidungsprozess, als die pauschale Beratung vom Amt.
Familie, Freunde:
Die Angaben in diesen Unterkategorien zeigen ein sehr differenziertes Bild. Auf der einen Seite bestand elterliche oder geschwisterliche Unterstützung, konträr dazu aber auch eine ablehnende, skeptische Haltung. Befürchtete finanzielle Nachteile waren in einem Fall der Grund für die elterliche Ablehnung, während gute berufliche Erfahrungen, da Familienangehörige schon selbst im sozialen Bereich arbeiteten, verständlicherweise zu einer positiven Auffassung führten. Hier zeigt sich, dass möglicherweise diejenigen, und das dürfte die Mehrheit der Bundesbürger sein, die keine eigenen (Berufs-) Erfahrungen im pädagogischen Tätigkeitsfeld gemacht haben, eher ablehnend dem Pädagogik-Studium gegenüberstehen dürften, als „Kenner“. Somit gilt es, bestehende Skepsis und Vorurteile wahrzunehmen, die sich negativ auf die Studienwahl auswirken dürften. Hinzukommt die Vermutung, dass der so unterschiedliche Einfluss der Familienangehörigen und Freunde auch etwas mit der individuellen Persönlichkeit des Befragten zu tun hat, der jeweils für sich bestimmt, inwieweit zwischenmenschlicher Einfluss ernst und wichtig genommen wird, sich für das Pädagogik-Studium zu entscheiden. Da jede Befragte andere Erfahrungen gemacht hatte, kann man den Schluss ziehen, dass das Umfeld sehr individuell zum Entscheidungsprozess miteinbezogen wurde.
Es ist scheinbar unmöglich, generelle Unterstützung von außen zu bekommen.
Schule:
Hier wird u. a. bestätigt, was die Unterkategorie „Praktikum“ ergab. Die Schule spielt im Entscheidungsprozess eine Rolle, in der Weise, als sie Praktikumserfahrungen ermöglicht. Interessant aber auch hier, wie unterschiedlich der Einfluss war, denn einerseits prägte die Schule in der Form, nichts Naturwissenschaftliches studieren zu wollen (Zensurengebung), oder aber, dass die Schule generell vermittelte, nach dem Abitur überhaupt zu studieren. Im anderen Fall schreckte die Schule selbst ab, ein Lehramtsstudium aufzunehmen. Auch hier wird deutlich, dass keine pauschalen Einflussfaktoren herauszustellen sind, was bedeutet, dass Pädagogik eher eine Disziplin ist, die sehr individuell und persönlich studiert wird.
Persönliche Wunschberufe:
Kindheit und Jugend:
Diese Unterkategorie ist vielschichtig angegeben worden (Putzfrau-Wissenschaftler), dass offensichtlich mit der kindlich-jugendlichen Kreativität und der noch freien beruflichen Perspektive zu tun hat. Interessant ist aber, dass fast alle „Traumberufe“ dienstleistungsorientiert sind, also an zwischenmenschlicher Beziehung im Berufsleben interessiert sind.
Erwachsenenalter:
Hier sehen Berufswünsche schon realistischer aus, da sie konkrete Erfahrungen und Fähigkeiten entsprechen. Grundsätzlich unterscheidet sich der „Wunschberuf“ aber nicht von den Berufswünschen, die in vorherigen Lebensabschnitten getroffen wurden, da auch hier dienstleistungsorientierte, bloß stärker (bis auf eine Ausnahme) auf den sozialen Bereich bezogene Berufe genannt wurden.
Fachliches Interesse:
Ursache / Wirkung:
Drei wesentliche Gründe werden genannt, Pädagogik je nach Schwerpunkt zu studieren. Einerseits möchte man mit Menschen arbeiten, interessiert sich für spezielle Themengebiete („Berufswahlprozesse“ / Verwaltung und Organisation) oder versucht, vorhandene Praktikumserfahrungen effektiv zu nutzen.
Daraus wird ersichtlich, wie differenziert auch hier das fachliche Interesse bestimmt wird. Es ist sehr schwierig, andere Interpretationen zuzulassen. Wiederum wird bestätigt, dass Pädagogik-Studenten/-innen aus sehr unterschiedlichen Motiven heraus handeln und ihre Haltung bestimmen. Entsprechend gestalten die Befragten ihr Studium.
Tätigkeiten:
Ehrenamt / sonstige Erfahrung:
Diese Unterkategorie bestätigt die Vielfalt, die die Wahl des Pädagogik-Studiums beeinflusst. Aufgrund des großen Angebots an sozialen Arbeitsmöglichkeiten (Notruf-Telefon, FS-Film-Selbstkontrolle, Freiwilliges Soziale Jahr, diverse Praktika, kirchliche Tätigkeiten, Kinder- und Jugendbereich, …) wird den Studierenden die Chance gegeben, individuelle Erfahrungen zu sammeln und zu nutzen. Daher kann auch hier festgehalten werden, dass die unterschiedlichsten Personengruppen (kirchlich, sozial, pädagogisch oder anders geprägt) sich im Pädagogikstudium wiederfinden lassen. Es ist nämlich ein großer Unterschied, ob man sich z. B. aus religiösen, humanistischen, sozialen Gründen oder etwa von der selbstkritischen Selbsteinschätzung bezüglich der eigenen Fähigkeiten heraus zu einem pädagogischen Studium entscheidet.
Die Kategorie „Tätigkeit“ macht wiederum deutlich, dass sehr individuelle Möglichkeiten vorhanden sind, in pädagogisch relevante Arbeitsfelder hineinzugelangen, wobei diese Tatsache dem relativ offenen, noch unverschulten Pädagogik-Studium entspricht.
Studienstandort Dortmund:
Zufriedenheit mit Studienwahl:
Es sieht ganz so aus, als ob die allgemeine Zufriedenheit unter den befragten Studentinnen sich eher in Grenzen hält. Eine Studentin gibt an, dass es sehr von dem Seminarangebot abhängt, eine andere wünscht sich ein ausgewogeneres Theorie- und Praxisverhältnis. Im anderen Fall ging es hauptsächlich um pragmatische Gründe, aufgrund des niedrigen Numerus-Clausus´überhaupt zu studieren.
Auffällig ist aber, dass keine echte Unzufriedenheit festzustellen ist, was sich u. a. banalerweise darin äußert, dass weiterstudiert wird (nicht bereit, woanders neu anzufangen), dass man sich durch Zusatzfächer zu helfen weiß, das Studium attraktiver zu gestalten und dass die optimistische Perspektive auf zukünftig bessere Seminare eingenommen wird. Eine Studentin schaffte es, ihre Einstellung dahingehend zu verändern, aus einer „Notlösung“ eine „gute Qualifikationsmöglichkeit“ in Form von wissenschaftlicher Arbeit werden zu lassen.
Offensichtlich haben alle Studenten/innen dieses Fachbereichs gemeinsam, über viele mühsame Wege in die Pädagogik gelangt zu sein, ohne die Absicht zu besitzen, nocheinmal ein neues Studium anzufangen. Möglicherweise hat das seinen Grund in dem eher naturwissenschaftlich, technischen Berufsbild unserer Gesellschaft, sodass zu wenig und auch eher unklare Berufszweige im sozialen Arbeitsbereich zu finden sind, welche zudem durch Vorurteile und Unwissenheit nur verzerrt wahrgenommen werden können.
Die eher gemäßigte Zufriedenheit könnte aber auch so gedeutet werden, als es schwieriger ist, abstrakte Interessen („irgendwie mit Menschen arbeiten wollen“) zu einem Beruf zuzuordnen, als konkret sachbezogene, auf Produktion bedachte Berufswünsche.
Nicht vergessen werden darf aber die Tatsache, dass Studenten/-innen im Hauptstudium generell weniger geneigt sein dürften, das Studium nun abzubrechen, da schon ziemlich viel Zeit und Aufwand für das Studium aufgebracht wurde. Da hält man sich lieber an das Prinzip, Begonnenes auch zu beenden.
Anmerkungen:
Es ist sehr schwierig, möglichst viele Aspekte zu berücksichtigen, die eine wesentliche Rolle bei der Wahl des Studiums gespielt haben. Unsere ursprüngliche Idee, Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zwischen den drei verschiedenen Studienschwerpunkten (Sozialwesen, Bildungswesen und Sondererziehung) herauszustellen, erwies sich für mich angesichts der Tatsache, letzten Endes „nur“ sechs Interviews vorliegen zu haben, als nicht machbar. Dazu reichte die Datenmenge meines Erachtens nicht aus, das „Typische“ zwischen den drei Studienschwerpunkten herauszuarbeiten. Dennoch hoffe ich, generelle Aussagen über Pädagogik-Studenten/-innen per qualitativen Vorgehens (Interpretation) deutlich gemacht zu haben. Ich könnte mir vorstellen, dass die Ergebnisse theoretisch für weitere Studien genutzt werden könnten. Es wäre z. B. möglich, noch stärker die „Zufriedenheit“ (z. B. unter psychologischen Gesichtspunkten) der Studierenden herauszuarbeiten. Sinn sehe ich also in unserer Studie darin, einen ersten Einblick in eine Thematik gewonnen zu haben und Anreize und Ideen für aufbauende Untersuchungen geliefert zu haben. Auch wenn ich einige Kategorien hier nicht erwähnt habe, so aus den Gründen, dass meiner Meinung nach das Wesentliche schon genannt wurde und weil somit überflüssige Wiederholungen vermieden werden sollten. Außerdem ging es uns darum, Tendenzen und keine spezifischen Einzelfälle wiederzugeben. Durch unsere Arbeitsteilung im Team ist es aber möglich, sich selbst anhand der Darstellung der Kategorien ein klares Bild von der behandelten Thematik zu machen.
*
Hier ist nur das Kurzreferat wiedergegeben.
Diese kleine Untersuchung erhebt keinen hohen, wissenschaftlichen Anspruch. Das durchgeführte Interview hat vom Ergebnis her weder repräsentative Aussagekraft, noch ist es absolut objektiv.
Nachtrag vom 01.04.2008:
Dieser Eintrag wurde am 01.04.2008 hierhin transferiert und befand sich vorher auf meiner erziehungswissenschaftlichen Webseite: http://www.stroever.eu
Nachtrag vom 18.10.2008:
Inzwischen habe ich bereits viele weitere Blogeinträge im Paedblog-Archiv überarbeitet, da oftmals angegebene Links nicht mehr aktuell waren und die neuere Wordpress-Weblogsoftware die Eingabe von Tags ermöglicht, mit deren Hilfe Blogbeiträge im Internet schneller wiedergefunden werden können. Zudem ist der ein oder andere Paedblogbeitrag aus früheren - nicht mehr existierenden - Weblogs bzw. von älteren Webseiten entnommen worden dank der nicht-wirklich-funktionierenden Wordpress-Import-Funktion. Schließlich habe ich einige neue Blogkategorien gebildet, um Blogbeiträge thematisch besser zuzuordnen, damit diese schnell vom Blogleser in der Kategorie-Rubrik bzw. im Blogarchiv gefunden werden.
Ansonsten viel Spaß beim Stöbern im Paedblog-Archiv!
Gruß,
Silvio Ströver, Dipl.-Pädagoge
Tags: Dortmund, Empirie, Forschung, Fragebogen, Hochschule, Interview, Objektive Hermeneutik, Pädagogik, Ströver, Studienwahl
April 1st, 2008 at 23:49
[...] Hier geht es weiter: http://paedblog.de/2006/08/30/wozu-paedagogik-studieren [...]
April 2nd, 2008 at 00:00
[...] http://paedblog.de/2006/08/30/wozu-paedagogik-studieren [...]
Juli 2nd, 2008 at 01:20
[...] http://paedblog.de/2006/08/30/wozu-paedagogik-studieren [...]
Dezember 21st, 2009 at 16:40
[...] http://paedblog.de/2006/08/30/wozu-paedagogik-studieren [...]